**Die Sprache, die ich nie sprechen durfte**
- Elisabete Da Cunha
- 19. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Ich war ein Kind des Schweigens.
Worte hingen unausgesprochen in der Luft,
wie Vögel mit gebrochenen Flügeln.
Ich habe früh gelernt, dass man besser nichts sagt,
dass Wahrheit gefährlich und Tränen störend sind.
Alles, was ich fühlte – Angst, Wut, Sehnsucht –
musste ich verstecken, leise, unsichtbar.
Ich dachte wirklich, mit mir stimmt etwas nicht.
Dass ich seltsam bin. Komisch.
Als wäre in meinem Kopf etwas falsch,
etwas, das andere sofort bemerken würden,
wenn ich zu viel sage.
Also schwieg ich.
Ich lernte, eine gute Beobachterin zu sein.
Ich sah alles, ich hörte alles –
doch meine Stimme blieb verschlossen.
Wenn meine Mutter mich irgendwohin mitnahm,
sprach ich kaum ein Wort.
Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte,
sondern weil die Angst so laut war in mir.
Die anderen Kinder redeten fröhlich über das,
was sie mochten, was sie wollten,
worauf sie sich freuten.
Ich hörte zu.
Und tief in mir wuchs das Gefühl:
Ich darf sowas nicht sagen.
Ich darf nichts wollen.
Ich darf keine Wünsche haben.
Aber gleichzeitig sehnte ich mich so sehr danach,
gemocht zu werden.
Ich wollte dazugehören,
sprechen, lachen, so sein wie alle anderen.
Also begann ich, mich anzupassen –
ich sprach, wie sie sprachen,
ich lachte, wenn sie lachten,
ich versuchte, einfach jemand zu sein,
den man mögen konnte.
Damals dachte ich,
das wäre der einzige Weg,
um endlich dazu zu gehören.
Heute, mit 47 Jahren, weiß ich:
Es konnte nie funktionieren.
Weil ich mich dafür jedes Mal
ein Stück von mir selbst verlor.
Aus all dem entwickelte ich viele Ängste.
Besonders vor Menschen –
diese Angst ist bis heute die größte der Welt für mich.
Alles um mich herum war irgendwann *zu viel*:
zu laut, zu groß, zu nah.
Ich fühlte mich ständig,
als würde die Welt mich überwältigen.
Traumata lähmen das Leben.
Sie nehmen dir den Mut,
den Atem und manchmal sogar die Zeit.
Man lebt – aber irgendwie nicht ganz.
Man funktioniert,
während die Seele irgendwo stillsteht
und darauf wartet,
dass sich endlich jemand um sie kümmert.
Mit den Jahren wurde dieses Schweigen,
dieses Verbiegen, zu einer zweiten Haut.
Ich redete, ja – aber nie mit meiner eigenen Stimme.
Ich sagte nur, was andere hören wollten.
Und tief in mir wartete diese eine Sprache –
meine Sprache.
Die, die zitternd in meiner Brust lag,
die von Schmerz, Liebe und überlebtem Sturm erzählte.
Heute lerne ich, sie wieder zu sprechen.
Langsam. Unsicher.
Aber ehrlich.
Jedes Wort, das ich wage,
löst ein kleines Stück der Fesseln,
die mich so lange stumm hielten.
Ich habe verstanden:
Wahrheit kann wehtun –
doch Schweigen tut noch mehr. 🌙
Kommentare